Rätsel um Dr. B.

Dem Aufenthalt der Schachnovelle in Stockholm ist noch ein Geschehnis nachzutragen, das mich sofort elektrisierte und meine Aufmerksamkeit erregte. Ja, es sollte sich im Verlauf der Schachnovellenreise als nicht unbedeutend erweisen.

Angeregt durch meine neuen, erweiterten Erkenntnisse über den Bonnier Verlag und seine Rolle im Zusammenspiel mit dem Bermann Fischer Verlag während der Kriegsjahre, stöberte ich durch die große Website von Bonnier, um herauszufinden, welche Stefan Zweig Titel aktuell im Verlagsangebot stehen.
Plötzlich poppte ein Buch auf, das den geheimnisvollen und doch irgendwie vertrauten Titel trug:


Dr. B., das war ja auch der Name des Hauptprotagonisten aus der Schachnovelle! Sollte dieser neue Roman von Daniel Birnbaum, 2018 erschienen, irgendeine Beziehung zu dem geheimnisvollen Schachspieler aus Zweigs Novelle haben?
ich übersetzte die umfangreiche schwedische Buchbeschreibung mittels Google Übersetzer und erhielt die Bestätigung meiner Vermutung:

„Als Daniel Birnbaum zu Hause auf dem Dachboden putzt, findet er einen schmutzigen braunen Karton, auf dem der Name seines Großvaters steht. Im Inneren ist eine ganze Ära erhalten. Es ist eines der aufregendsten Jahre in der schwedischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, 1939-1943. In diesem Moment wurde Stockholm zu einem Zentrum weltpolitischer Kräfte, Hotelempfänge wurden von geheimen Männern und Frauen mit wichtigen Aufgaben gefüllt und der Alltag war von Unsicherheit und Angst geprägt. Plötzlich könnte alles passieren. Im Herbst 1939, nach dem Einmarsch Deutschlands in Polen, trifft der deutsch-jüdische Journalist Immanuel Birnbaum in Stockholm ein. Er musste mit seiner Frau und seinen zwei Kindern aus Warschau fliehen, wo er als Korrespondent für einige deutsche Zeitungen arbeitete. In Stockholm kommt er mit dem deutschen Buchverlag Bermann Fischer in Kontakt und bekommt einen Job bei dem Verlag, den er im Exil führt. Immanuel’s Unterschrift ist Dr. B. Er hilft britischen Spionen, Propaganda in Deutschland zu verbreiten. Aber in einem Brief, der mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde, enthüllt er ihre Pläne, den Erzhafen in Oxelösund in die Luft zu jagen, um Schweden in den Krieg zu zwingen. Er verschwindet in der Gefangenschaft, taucht aber in einer Kurzgeschichte von Stefan Zweig als Schatten auf.
Daniel Birnbaum hat einen Roman über die seltsamen Erfahrungen seines Großvaters in Schweden während einer chaotischen und beängstigenden Zeit geschrieben. Er entwickelt gekonnt und sorgfältig die Atmosphäre, die in einem ungesicherten Stockholm herrscht, wo jeder Schritt Sie das Leben kosten kann.

Da war dieser Hinweis zu Stefan Zweigs Novelle! Sollte der Großvater von Daniel Birnbaum, namentlich Immanuel Birnbaum, der stets als Dr. B. signierte, Stefan Zweig inspiriert haben, seine Hauptfigur ebenfalls Dr. B. zu nennen?
Näheres war einzig über den Autor, Dr. B.s „Enkel“ Daniel Birnbaum zu erfahren.
Kontaktdaten zu Daniel Birnbaum fand ich relativ geschwind, denn Daniel Birnbaum ist nicht irgendwer, sondern eine bekannte honorige Persönlichkeit, wie sein umfangreicher Wikipedia-Eintrag verrät. In einem langen Telefonat erzählte er mir übersprudelnd von den „Abenteuern“ seines Großvaters während der Angestelltenzeit bei Bermann Fischer in den 40er Jahren, und dass auch nach seiner Vermutung sein Großvater höchstwahrscheinlich Namensinspirator war für Zweigs Dr.B. !

Es deutete sich eine literarische Entdeckung an, denn die bisherigen Vermutungen der Zweigforscher über eine mögliche Quelle für die Namensfindung Dr. B. gingen in andere Richtungen.

Nun wollte ich der Sache weiter auf den Grund gehen, näheres von Daniel Birnbaum erfahren, ja ihn für mein Projekt der reisenden Schachnovelle interessieren.

Und ich wollte diese Entdeckung bis zu meinem Vortragsauftritt bei der Tagung der ISZG im Oktober für mich bewahren.

Ein rasches Absenden der Schachnovelle nach USA zu Randolph Klawiter kam vorerst nicht in Frage. Ich änderte die Reiseplanung. Diese letzte Reiseetappe sollte erst nach dem Abend bei der ISZG beginnen. Das gibt mir Gelegenheit, die reisende Schachnovelle mit ihren Beigaben der Stefan Zweig Gesellschaft zu präsentieren, ja die Tagungsmitglieder als letzte Gastgeber zu gewinnen.

Zudem wollte ich versuchen, Daniel Birnbaum evtl. als Überraschungsgast bei dieser Jahrestagung der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft nach Hamburg zu holen.

…Und meine reisende Schachnovelle sollte eine weitere (ungeplante) Reise nach London einschieben: zu Daniel Birnbaum, dem „Enkel von Dr. B.“, der mittlerweile in London lebt und arbeitet.

Leonardo

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