Nachschrift zu Zürich: Kaffeehaus Odeon, Europa damals und heute.

Es ist für mich doch eine große Freude, registrieren zu dürfen, dass es zwischenzeitlich zu einer achtbaren Usance geworden ist, der Schachnovelle etwas für die Weiterreise mitzugeben. Cathérine Hug in Zürich bildet da keine Ausnahme. Vor ein paar Tagen sandte Sie mir einige der Fotos, die sie dem Buchpaket auf dem Weg nach London beigefügt hat. Es sind aktuelle Fotos aus dem berühmten Café Odeon, das nur fünf Gehminuten vom Kunsthaus Zürich entfernt liegt.

Die Fotos vom Interieur des Odeon bezeugen den Zauber des Jugendstils:

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an einem Tisch im Odeon soll James Joyce in den Jahren 1915 bis 1920 einen wesentlichen Teil seines Ulysses geschrieben haben.

(Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Cathérine Hug, Zürich).

Das Café Odeon wurde am 1. Juli 1911 eröffnet. Eingerichtet im Stile der bekannten, historischen Wiener Caféhäuser mit eigener Konditorei, Bar, Billardsaal und auch gemütlichen Tischen und Sesseln, die man für eine Partie Schach nutzen konnte. Es reihte sich ein in die vielen berühmten Schachcafés, die sich in so vielen Metropolen finden wie das Café Central in Wien, das Café de la Regence in Paris und das Romanische Café in Berlin.
Im Odeon wurde aber nicht nur Schach gespielt. In kürzester Zeit entwickelte sich das Café zum zentralen Kernmagneten der Intellektuellen Europas. Alle gingen sie hier ein und aus. Die Liste der Besucher, ob Künstler, Autoren, Philosophen, Wissenschaftler, Studenten und Anarchisten ist schier endlos. Eine große Namensliste findet man auf der Geschichtsseite des Odeon. Und auch für Stefan Zweig war das Café ein Stammplatz in Zürich während seines Schweizer Aufenthaltes. Hier traf er auf berühmte Migranten, seine Freunde, Schriftsteller-Kollegen und viele elitäre Denker, mit denen man gemeinsam den Krieg verdammen und die Welt neu gestalten konnte.
Im Odeon erprobten Künstler neue Richtungen. Es wird zur Wiege des Dadaismus.
Im Odeon wird debattiert, über Kunst, Literatur und Politik. Hier gründet sich die Friedensbewegung und die großen Denker träumen vom vereinten, freien Europa. Bis zu dessen Realisierung sollten ja noch Jahrzehnte vergehen. Der europäische Gedanke aber hat hier in Zürich eine seiner Quellen.

100 Jahre später im Sommer 2015 kuratiert Cathérine Hug im 500 m entfernten Kunsthaus Zürich eine Ausstellung, die der Geschichte und der Zukunft Europas nachspürt: EUROPA – die Zukunft der Geschichte:

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Mitarbeiter bei diesem Ausstellungsprojekt war Robert Menasse, ein bekannter österreichischer Schriftsteller.
2017 erhielt Menasse den Deutschen Buchpreis für seinen Roman „Die Hauptstadt„; den ersten Roman, der Europa in den Mittelpunkt stellt.

»Eine grandiose … Liebeserklärung an Europa und gleichzeitig eine blendend recherchierte Innenansicht über die Arbeit der Europäischen Kommission.«
Denis Scheck, Der Tagesspiegel

Unter den über 70 Künstlern, die ihre Sicht und Erkenntnisse über Europa in der Ausstellung verwirklichten, war Uriel Orlow, ein in der Schweiz geborener Künstler, heute wohnhaft in London. Sein Beitrag in der Europa-Ausstellung war eine große Installation in Reminiszenz an das Café Odeon, an den Ort mit seiner zentralen Bedeutung für die geistvollen Verbindungen gegen Krieg und Unterdrückung und Wunschträume nach Freiheit und Grenzüberwindung. Eine ganze Serie (50) von Porträts zeigt die intellektuellen Café-Besucher von damals. Unter den vielen bekannten Gesichtern ist auch -unverkennbar- Stefan Zweig.
Orlow 
gab der Installation einen langen aber trefflichen Namen:
„Oddly, one lived the war in one’s mind more intensively than at home in a country at war“
Es ist ein Zitat aus Zweigs „Die Welt von Gestern„.
Rasch werde ich in meinem aktuellen Insel-Exemplar fündig:
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Auf Seite 315 lese ich:
„Und sonderbar: man lebte geistig den Krieg hier eigentlich intensiver als in der kriegführenden Heimat …“
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Im Ausstellungskatalog wird diese Installation Orlows beschrieben und ausschnittsweise gezeigt.

Auszug aus dem Europa-Katalog mit freundlicher Genehmigung von Cathérine Hug:
(Bitte Copyright-Hinweise beachten!)

 


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Leo Trotzki und Stefan Zweig

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2018: die reisende Schachnovelle macht Visite bei Cathérine Hug im Kunsthaus Zürich, dem Ort der Europa-Ausstellung von 2015 und dem Ort mit dem legendären Café Odeon.
Und das in einem Jahr, in dem Europa eher auseinander driftet und von  Krise zu Krise stolpert.
Cathérine Hug sendet das Buch weiter zu Uriel Orlow nach London. In ein Land, das sich gerade im Moment insularer denn je zeigt und abrückt von den Träumen um ein geeintes Europa.

Mir wird wieder bewußt, wie stark Stefan Zweig Krieg und Unterdrückung verabscheute und einen Zusammenschluss der europäischen Staaten herbeisehnte. Auch seine „kleine“ letzte Novelle ist im Kern ein Manifest gegen Unfreiheit und Repression. Doch Zweig weiß Trost: geistige Stärke bleibt Sieger gegen die Folterer.
Kann die reisende Schachnovelle, ausgestattet mit dem Gesinnungserbe Zweigs, Bindungen unter den Zweigfreunden erneuern oder neue knüpfen? Taugt sie gar als Brückenschlägerin auf die Brexit-Insel?

Die reisende Schachnovelle zeigt nicht nur, dass Bücher die einzige reale Zeitmaschine sind, sondern unterstreicht auch, dass es für den Geist in ihnen keine Orts- und Landesgrenzen gibt.

Aber dank der friedlichen Einbettung der Schweiz inmitten der kämpfenden Staaten war Zürich aus seiner Stille getreten und über Nacht die wichtigste Stadt Europas geworden, ein Treffpunkt aller geistigen Bewegungen, freilich auch aller denkbaren Geschäftemacher, Spekulanten, Spione, Propagandisten, die von der einheimischen Bevölkerung um dieser plötzlichen Liebe willen mit sehr berechtigtem Mißtrauen betrachtet wurden…
(SZ: „Die Welt von Gestern“)

Sonderbar… daß die Schweiz nie selbst dazu gehören wollte!
Hm… Kiebitze sehen oft mehr als die Spieler.

Leonardo

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